In Dorsten ist das Wasserwirtschaftsunternehmen nicht nur für die Lippe-Fähre Baldur bekannt
Seit 100 Jahren nimmt der Lippeverband in der Region – und für die Menschen in der Region – unverzichtbare Aufgaben der öffentlichen Daseinsvorsorge wahr. Dazu gehören unter anderem die Abwasserentsorgung sowie der Hochwasserschutz. Darüber hinaus gehen die wasserwirtschaftlichen Maßnahmen des Lippeverbandes immer auch mit einer städtebaulichen Entwicklung der Quartiere entlang der Gewässer einher. Mit dieser Verzahnung von Wasserwirtschaft und Städtebau verfolgt der Lippeverband im Schulterschluss mit seinen Mitgliedskommunen eine Verbesserung der Lebens- und Aufenthaltsqualität für die Bevölkerung in der Region. Der Betrieb von modernen Abwasserkanälen, Pumpwerken, Kläranlagen und Hochwasserschutzeinrichtungen bildet den Dreh- und Angelpunkt einer sozial-ökologischen Transformation: „Die Renaturierung von einst technisch überformten Flüssen und Bächen ermöglicht die Rückkehr von blaugrünem Leben in diese Gewässer sowie eine verbesserte Erleb- und Erfahrbarkeit dieser neuen Naherholungsorte für die Menschen. Unser Selbstverständnis als Infrastrukturdienstleister für unsere Mitglieder hat sich in den vergangenen 100 Jahren nicht geändert. Das Wohl der Allgemeinheit steht dabei für uns nach wie vor an erster Stelle“, sagt Prof. Dr. Uli Paetzel, Vorstandsvorsitzender des Lippeverbandes.
Das Wirken des Lippeverbandes in Dorsten
In Dorsten ist die Lippe ein fester Bestandteil des Stadtbildes. Wer bei Hochwasser schon einmal auf der Lippe-Brücke an der Borkener Straße gestanden hat, wird mit hundertprozentiger Sicherheit auch die sonst bei Trockenwetter recht unscheinbaren Deiche an der Lippe zu schätzen gelernt haben. Auch mit mehr als einem Dutzend Pumpwerken, mit denen die vom Bergbau beeinträchtigten Stadtteile (Poldergebiete) künstlich entwässert werden, ist der Lippeverband im Stadtgebiet präsent. Die leistungsstärkste Anlage ist das Pumpwerk Dorsten-Hammbach: Es kann pro Sekunde maximal 17.000 Liter heben und entwässert eine Fläche von 14.800 Hektar. Gebaut wurde das Pumpwerk 1994.
Apropos Polder: Blickt man auf 100 Jahre Lippeverband in Dorsten zurück, fällt einem ein Ereignis recht schnell ein – der Lippe Polder Park! Unter dem Motto „Kunstobjekt und Central Park am Wasser für einen Sommer“ wurde die Fläche zwischen Lippe und Wesel-Datteln-Kanal im Jahr 2015 für zehn Wochen zu einem außergewöhnlichen Stadtpark am Wasser sowie Ort der Begegnung und verband Hervest und die Altstadt miteinander. Das künstlerische Konzept für den Park an der Lippe stammte von der Rotterdamer Künstlergruppe Observatorium und der Dorstener Künstlerin Marion Taube.
Zum Hintergrund: Namenspate des Lippe Polder Parks sind „Polder“ – so werden in der Wasserwirtschaft Flächen bezeichnet, die tiefer liegen als der Wasserspiegel der angrenzenden Gewässer. Dazu zählt sowohl das Land, das die Niederländer durch Eindeichen über die Jahrhunderte der Nordsee abringen konnten. Dazu zählen aber auch durch Bergbaueinwirkung abgesunkene Flächen an Emscher und Lippe, die zum Schutz vor Hochwasser dauerhaft eingedeicht werden müssen. Der Lippeverband kümmert sich in besonderem Maße um den Schutz der Polder in der Region. 38 Prozent des Emscher-Gebiets und 14 Prozent des Lippeverbandsgebiets sind Polderflächen, die allerdings innerhalb des weitläufigen Lippe-Einzugsgebiet sehr unterschiedlich verteilt sind: In der ehemaligen Bergbaustadt Dorsten beträgt der Anteil der Polder am Stadtgebiet rund 73 (!) Prozent.
Das Projekt Lippe Polder Park zielte darauf ab, die Menschen an die Lippe zu bringen, in den bislang „vergessenen“ Raum zwischen Dorsten und Dorsten-Hervest. Der eigentlich Kern des Projekts, das sich die Kuratorin Marion Taube zusammen mit Observatorium ausgedacht hatte, waren viele kleine und große Veranstaltungen, Aktionen, Workshops, Ausstellungen und Exkursionen, die im und rund um den Lippe Polder Park stattfanden. Marion Taube hatte sich allerhand einfallen lassen, um möglichst unterschiedliche Interessen und Wünsche zu bedienen: Theater, Musik, Literatur, Malerei, aber auch Basteln und Werkeln, Kinderaktionen und Familientage.
Zuvor war das Land, auf dem der Lippe Polder Park entstand, ein leerer Acker – mitten in Dorsten, aber umgeben von Wasser und von Deichen, was zu dem Namen Lippe Polder Park inspiriert hat. Auch der zentrale Pavillon, der einen innen begehbaren Deichkörper darstellt, griff seinerzeit diese Landschaftsform auf. Der Pavillon in Form einer „liegenden Acht“ aus sich kreuzenden Deichen wurde von Observatorium und Marion Taube entworfen. Er diente dem für einen Sommer konzipierten Stadtpark als Treffpunkt und Begegnungsstätte.
Gefördert wurde der Lippe Polder Park mit Mitteln des NRW-Städtebauministeriums aus der 2014 ins Leben gerufenen Kooperation „Gemeinsam an der Lippe“.
Zwei Kläranlagen und eine Flussfähre
Eine der wichtigsten Aufgaben des Lippeverbandes ist die Abwasserreinigung: In der Kläranlage Dorsten-Holsterhausen wurden im Jahr 2024 insgesamt 10.332.351 Kubikmeter Abwasser gereinigt, in der Kläranlage Dorsten-Wulfen waren es 3.861.090 Kubikmeter. Die Anlage in Holsterhausen stammt aus dem Jahr 1977 (zuletzt 2001 ausgebaut), sie ist ausgelegt für 137.000 Einwohnerwerte (Menschen plus Industrieunternehmen). Im Durchschnitt flossen der Kläranlage Holsterhausen im Jahr 2023 rund 265 Liter Abwasser pro Sekunde zu. Die Anlage in Wulfen stammt aus dem Jahr 1969 (zuletzt 2005 ausgebaut), sie ist ausgelegt für 30.000 Einwohnerwerte. Im Durchschnitt flossen der Kläranlage Wulfen im Jahr 2023 rund 100 Liter Abwasser pro Sekunde zu.
Und auch dies gehört zum Lippeverband in Dorsten dazu: die Lippe-Fähre Baldur, die im vergangenen Mai den 20. Jahrestag ihres Bestehens feierte. Die 2005 in Dienst gestellte Kurbelfähre erhielt ihren Namen von der Schachtanlage Baldur, die im Süden von Dorsten in den 1920er-Jahren Kohle förderte. Damals querte ein kleines hölzernes Fährboot die Lippe, um die Bergleute zur Schicht zu bringen. Heute verbindet die Fähre die Dorstener Stadtteile Holsterhausen und Hardt. Pro Fahrt können acht Personen die Lippe überqueren.
Die Fähre „Baldur“ in Dorsten wurde als erste Personenfähre des Lippeverbandes in Betrieb genommen. Im Jahr 2013 erweiterte der Lippeverband das Angebot um die Personenfähre „Lupia“ in Hamm-Oberwerries und 2015 um die „Maifisch“ in Haltern-Flaesheim. In Wesel betreibt die Stadt eine vierte Fähre mit dem Namen „Quertreiber“. Alle Fähren sind kostenlos nutzbar und in den Radfernweg „Römer-Lippe-Route“ eingebunden.
Renaturierung des Rapphofs Mühlenbach – Wiederherstellung eines natürlichen Gefälles
Darüber hinaus ist der Lippeverband in Dorsten für die Renaturierung des Rapphofs Mühlenbach bekannt. Bei dieser Maßnahme stand nicht nur die naturnahe Umgestaltung des Gewässers im Vordergrund, sondern vor allem die Wiederherstellung der natürlichen Vorflut – denn streckenweise verfügte der Bach jahrzehntelang über kein ausreichendes und streckenweise auch gegenläufiges Gefälle. Ganz im Gegenteil: Ohne Pumpwerke würden die Nebenläufe Erdbach und Rennbach wegen des Höhenunterschieds im Mündungsbereich entweder gar nicht in den Rapphofs Mühlenbach hineinfließen (Erdbach) oder teilweise sogar rückwärts fließen (Rennbach).
Beim Umbau des Rapphofs Mühlenbach, der von Süden nach Norden aus Gelsenkirchen kommend in Dorsten in die Lippe mündet, wurde auf einer Länge von 1,9 Kilometern ein durchgängiges Gefälle geschaffen. Insgesamt wurden dazu über 100.000 Kubikmeter Boden abgetragen. 15 Millionen Euro investierte die RAG in diese Maßnahme.
Der Bau erfolgt in drei Abschnitten. Von September 2017 bis August 2018 wurde zunächst ein Durchlassbauwerk zur Querung von Leitungen erstellt. Von Februar 2019 bis August 2020 wurde ein erster knapp 500 Meter langer Gewässerabschnitt des Mühlenbachs ausgebaut sowie die Brücke an der Altendorfer Straße erneuert. Im Juli 2022 begann der dritte und letzte Bauabschnitt: Dazu gehörten unter anderem der Ausbau der restlichen zirka 1,4 Kilometer langen Gewässerstrecke, die Ertüchtigung der Brücken Kückelmannshof und Polsumer Weg, die Anbindung des Erdbachs an den Rapphofs Mühlenbach und der Rückbau des künftig nicht mehr benötigten Pumpwerks am Erdbach.
Seit Beendigung der Maßnahmen liegt der Rapphofs Mühlenbachs bereichsweise bis zu zwei Meter tiefer, so dass der Erdbach sohlgleich an den Mühlenbach angeschlossen und ein neuer Mündungsbereich gestaltet werden konnte – ganz ohne Pumpwerk! Der Entfall dieser Anlage bedeutet letztlich auch den Wegfall der damit verbundenen Ewigkeitskosten!
Die Maßnahme des Lippeverbandes zur Vorflutregulierung des Rennbachs inklusive des Entfalls des dortigen Pumpwerks ist bereits planfestgestellt worden und befindet sich zurzeit in der Ausführungsplanung.
Der Lippeverband
Der Lippeverband wurde vor 100 Jahren – am 19. Januar 1926 – gegründet, um die Folgen der Industrialisierung und des Bergbaus in Einklang mit der Natur, der Gesundheit und der Lebensqualität der Menschen zu bringen. Der Verband konnte ohne größere Zeitverluste seine Aufgaben angehen, da sich die Verbandsorgane entschlossen hatten, die Geschäftsführung mit der bereits 1899 gegründeten Emschergenossenschaft zu vereinigen. Man vermied dadurch den Aufbau einer eigenen Verwaltung. Sitz des neuen Verbandes wurde Dortmund. Dort war die Sesekegenossenschaft ansässig, die bereits 1913 nach Vorbild der Emschergenossenschaft gebildet worden war und nun im Lippeverband aufging. Zuständig war der Lippeverband nicht für das gesamte Lippe-Gebiet ab der Quelle, sondern für den industriell stark geprägten Raum von Lippborg bis Wesel – inklusive der Nebenlaufgebiete. Bis heute lebt der Lippeverband als öffentlich-rechtliche Einrichtung das Genossenschaftsprinzip als Leitidee des eigenen Handelns. Weitere Informationen zum Lippeverband sowie zu Veranstaltungen rund um das 100-jährige Bestehen finden interessierte Bürgerinnen und Bürger auf jubilaeum.eglv.de.








