Dorsten-Aktuell


11.08.2017
 

Pssst: „Nur die Ruhe!“

Ludwig Kuckartz: Der Inhalt seiner Arbeit ist eine sensible, respektvolle Sicht auf seine Umwelt. Er nutzt den Zufall als Ausdrucksmittel. Er arbeitet wie mit einem Trichter, in dem er den Eintritt und Austritt von Licht und Ton regelt. Musik, die nicht da ist, die man aber trotzdem hört.
Kernstück des Konzertes „Nur die Ruhe!“, ist „Ginaikon“, ein eigens für den Bahnhof Dorsten komponiertes audiovisuelles Werk. Neben einer quadrifonen Lautsprecherbeschallung kann der Zuschauer zusätzlich noch eine von zwölf individuellen Spuren der sogenannten Lofifonie zeitgleich per Smartphone abrufen, der Vorplatz des Bahnhofs füllt sich aus vielen Geräuschquellen gleichzeitig. Dazu entsteht eine projizierte Grafik, die sich abhängig von der Musik selbständig generiert und auf eine Leinwand vor dem Bahnhof projiziert wird. Ein multimediales Erlebnis. „meinDorsten.de“ sprach mit dem 1971 in Aachen geborenen Ausnahmekünstler, der ohne Zweifel ein neugieriger Mensch ist, mit allen Sinnen.

„meinDorsten.de“:
Herr Kuckartz, wie haben Sie zu dieser außergewöhnlichen Kunst gefunden?

Ludwig Kuckartz:
Ich versuche in unserer postmodernen Zeit eine Nische zu bespielen und untersuche den engen Grad zwischen analoger und digitaler Kunst. Ein äußerst filigraner Bereich, der viel unerforschter ist als jeweils die beiden Gebiete. Mich interessieren vermeintliche Gegensätze und deren tatsächliche Schnittmenge, die es meiner Ansicht nach immer gibt, aber die oft versteckt bleibt oder vernachlässigt wird. Als Mensch mit deutschen und griechischen Genen ist der Gegensatz zwischen Ratio und Emotio Standardprogramm in mir: einmal erkannt nutze ich diese ungleiche Freundschaft der Charaktere als bunte Spielwiese.

„meinDorsten.de“:
Sie arbeiten sowohl mit Videobild als auch mit Audioton. Besteht da nicht die Gefahr, dass sich diese unterschiedlichen Arbeitsweisen gegenseitig aufheben?

Ludwig Kuckartz:
Mein Interesse gilt ja genau der Schnittmenge dieser beiden Welten. Ich halte nicht viel von "Video killed the Radio Star" oder umgekehrt, sondern ich setze auf die Befruchtung der beiden Genres. In meiner Arbeit beeinflusst die Geräuschspur direkt das Videobild und idealer weise dann auch rückwirkend wieder die Geräuschspur, wie ein Audio-Video-Audio Feedback. Wenn es zu einer Aufhebung kommen sollte, dann geschieht das eher im Loslösen von gängigen Normen und im "um die Ecke denken", was den Zuschauer/Hörer dann in sich selbst kehren und seine eigene Geschichte erträumen lässt.

„meinDorsten.de“:
Aus welcher Zeit stammen die ersten Einflüsse, die quasi als Vorbilder für Ihre heutigen Arbeiten Pate standen?

Ludwig Kuckartz:
Der chronologisch früheste direkte Einfluss meiner Arbeit ist - ungewöhnlich für einen Videokünstler - tatsächlich Leonardo da Vinci. Er hat die Natur akribisch untersucht und sie als Vorbild für Technik genutzt, war also zu Hause in beiden Welten. Ich gehe einerseits den gleichen Weg, z.B. wenn ich aus analogen Geräuschen - hier dem Klavierklang - eine technoiden Ton-Teppich webe, der alles auseinander nimmt und nur die reine Seele des Klavierklanges übrig lässt. Andererseits versuche ich aber auch den Umkehrschluss, indem ich gängige Naturgesetze wie Schwerkraft oder Trägheit komplett mathematisch am Computer in einer Programmiersprache nachempfinde und so meine Generative Animation gestalte. Ein richtungsweisender neuzeitlicher Einfluss meiner Arbeit ist der Videokünstler Bill Viola, dem ich die Entdeckung der Langsamkeit und Subtilität meiner Kunst und deren Affinität zur Poesie verdanke. Als dritten Menschen mit Einfluss auf meine Kunst nenne ich den Isländer und Komponisten Jóhann Jóhannsson, der in seiner Filmmusik genau diese beschriebene Grad-Wanderung zwischen analog und digital sehr eindrucksvoll belebt oder natürlich dessen wundervolle Landsfrau Björk, der Göttin des Gesamtkunstwerks.

„meinDorsten.de“:
Ist die suggestive Beeinflussung Ihrer Besucher gewollt?

Ludwig Kuckartz:
Ich möchte keinem meine Meinung aufdrängen. Doch nur derjenige, welcher auf einen Weg gebracht wird, kann entscheiden, den Weg weiter zu gehen oder von ihm abzuweichen oder gar zurück zu gehen. Wer am Anfang des Weges verharrt, hat diese Wahl nicht. Dabei fände ich es allerdings unpassend, wenn alle meinen persönlichen Weg bis zu Ende mitgingen. Dazu ist Kunst schließlich auch da, zum eigenständigen Denken anzuregen. Das geht aber nur, wenn man anfängt zu denken oder noch besser zu fühlen. "Ein NEIN hat man, ein JA kann man kriegen."

„meinDorsten.de“:
Welche Ziele verfolgen Sie mit Ihren Arbeiten?

Ludwig Kuckartz:
Mit Ton- und Lichtkunst möchte ich spielen und meine Gefühle ausdrücken - das gelingt mir damit besser als mit dem rationalen Wort. Ich möchte andere animieren, mit zu spielen und zu sehen, dass dies Freude bereiten kann und dann die Seele befreit. Ich möchte zum Denken und Fühlen anregen; erklären, dass beides sogar gleichzeitig möglich ist und bewusst die Langsamkeit provozieren, die in unserer heutigen Zeit oft zu kurz kommt. Ich werfe Töne und Bilder in einen Trichter, die sich in ihm scheinbar willkürlich vermischen und lasse dann unten das natürlich gefilterte Ton-Bild heraustropfen, den Zufall nutzend und aus ihm schöpfend.


Kunstliebhaber des besonderen und außergewöhnlichen können Morgen um 20.30 Uhr am Bahnhof Dorsten sich selbst von seinem Amüsement überzeugen lassen.
Unter anderem spielt Ludwig Kuckartz live am Piano seine „Suiten o5“: ein fragmentarisches von einer Geräuschspur begleitetes Klavierstück, entstanden aus autobiografischen Erlebnissen des Komponisten.
Flankiert werden diese beiden Eigenkompositionen von Volksliedern zum Thema Warten, Reisen und natürlich der Liebe, die Irmke von Schlichting mit ihrer glasklaren Sopranstimme interpretiert, mal aus der Ferne des Bahnsteigs, mal ganz nah und intim.
Beide Künstler waren schon mehrfach zu Gast mit ihren Konzerten und einer audiovisuellen Ausstellung in der Zeche Fürst Leopold, eingeladen vom Kunstverein virtuell-visuell e.v.


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